Wow, schon wieder einer Woche rum und seit gestern sind wir bereits einen Monat von zuhause fort. Nach den ersten beiden Wochen hatte ich das Gefühl, die Zeit verginge so schrecklich langsam und plötzlich ist es schon wieder Wochenende?
Montag oder Dienstag hat Flo mich gefragt, ob er meine Nummer einem potenziellen Arbeitgeber geben könne. Natürlich kein Problem, denn schließlich will ich auch, dass er endlich einen Job findet und ich glaube, das Ausbleiben der Angebote könnte damit zusammen hängen, dass er telefonisch bis vor wenigen Tagen nicht erreichbar war.
Als am Mittwoch mein Handy von einer fremden Nummer angerufen wurde, stieg in mir die stellvertretende Nervosität auf. Ich hatte weder Zettel, noch Stift und was sollte ich dem Menschen sagen, von dem ich absolut nichts wusste?
"Hello?", sagte ich angespannt in den Hörer.
"Hey, Shirin?" Woher weiß denn der Mann meinen Namen?
"Umm, yeah?"
"Hey, this is Ash!" BITTE?! "Sorry for getting back to you so late. I sent you a text and tried calling, when you didn't reply. I guess I stuck another Zero to your number." ... Oha.
"Oh, now worries. Thanks for calling though!" GRAAAAHHH!!!! Ich war dabei freudige Kreise um den Tisch herum zu laufen.
"Yeah, sure. I am catching up with my younger brother on Friday. Just dinner and drinks. Pretty caz. Would you like to join?" Natürlich keine Zeit seine Worte zu verarbeiten, oder drüber nachzudenken.
"Sure, I would love to!"
"Awesome. It's Queens Drive 16 across from Christchurch Grammar School. I have training and will get there about eight, but you can go earlier if you want."
"Ok."
"See you there."
Kurzer Freudentanz. Eure Wünsche nach mehr Information und mein Mut, zu seiner Arbeit zu fahren, haben sich anscheinend bezahlt gemacht! Ziemlich cool auch, dass er nicht einfach davon ausgegangen ist, dass ich nicht antworte, sondern noch mal angerufen hat.
Allerdings begann dann das Rätseln. Katie war sich todsicher: Es ist ein Date! "Ooooh, I told you he likes you."
Ein Date? Mit seinem Bruder? Und Queens Drive existiert nicht. Nur Queenslea Drive neben der Grammar School. Gut dann, dass ich den Part der Konversation mitbekommen habe. Gut, dass ich überhaupt so viel vom gesagten aufgenommen habe. Nummer 16 ist jedoch ein Haus. Kein Restaurant oder so. Wir gehen zu seinem Bruder nach Hause. Wird das eine große Casual Party? Werden wir nur zu dritt sein? Sehr unsicher alles.
"Maybe you are meeting at the brother's house and going to a restaurant from there.", vermutete Kirstie.
"Does he know you are vegetarian?" Oh, Katie, du Goldstück. Das weiß er nicht. Also Handy gezückt und gefragt, ob wir beim Bruder essen.
"Yeah, that's my brother's house and we are eating there, he said we didn't need to bring anything, but if there's something special you want to drink feel free to bring it along :) its gonna be ultra casual probably just a BBQ or a roast or something. should be fun :)"
Oh great! Klingt nach wenig Fleisch. Direkt mal angemeldet, dass ich mir was mitbringe, wegen keinem Fleisch.
Das Mitbringsel wurde eine Tomaten-Vinaigrette und eine dreiviertel Paprika, denn ein Viertel brauchte Kirstie für die Kids und um mehr einzukaufen, hatte ich keine Zeit.
Um halb Acht also auf den Bus gehüpft und total nervös den Busfahrer gefragt, ob er mich an der Christchurch rauslassen kann. Gesagt, getan und Hausnummer 16 aufgesucht, nachdem ich zum Glück überhaupt gehört habe, dass der Typ mit mir redet.
Das Haus ist relativ klein und nicht so posh wie der Rest in der Gegend. Claremont, Cottesloe und Nedlands sind definitiv die reichen Viertel hier, deswegen auch so viele Au Pairs.
Nur eine Person war dort, als ich ankam. Freundlich hat er sich als Triet vorgestellt, direkt erklärt, dass wir in Jonno's Zimmer stehen, ich wohl die Freundin von Ash sein muss und dass der bald kommen sollte. Na ja, "bald", denn ich war 20 Minuten zu früh. Es war ganz lustig mit ihm zu plaudern, er studiert Ingenieurswissenschaften, und hat mich außerdem direkt in das Bevorstehende eingeweiht.
Jonno wohnt mit drei anderen Jungs in dem Haus. Sie alle supervisen die Kids in der Boarding School nebenan und dürfen deswegen dort wohnen. Triet ist ein Familienfreund der Lau's und nicht Ash's Bruder, sondern Jonno ist Ash's Bruder. Jeden Freitag kochen Triet und Jonno.
Als nächstes kam David 'Hoby', über den ich nicht viel weiß, außer dass er lustig und sehr offen ist. Ach ja, beide sind auch Asiaten.
Die Vierte im Bunde war ... ja, also ihren ganzen Namen habe ich nicht verstanden, aber ihr Spitzname ist Nessa. Sie ist Sam's (Ash's zweiter Bruder) Verlobte und hat Patches mitgebracht. Ich liebe diesen Hund absolut vollkommen. Er ist ein bisschen goofy, wie ein Teenager eben und sieht mit seinen schwarzen Kreisen um die Augen sehr verwegen aus. Außerdem ist sein Gehorsam sehr Neid erweckend. Er sitzt, macht Platz, gibt Pfötchen, holt sein Spielzeug, geht in sein Bett, rollt sich und fällt bei dem Wort Peng um. Er hört absolut perfekt auf Nessa und zeigt größten Respekt. Vielleicht kann sie demnächst auch mal Lizzy trainieren ;)
Das Essen war noch nicht ganz fertig, also machte Triet damit weiter und Jeany kam als nächste dazu. Sie ist eine gute Freundin von Jonno und erst war ich mir nicht sicher, ob ich sie mögen sollte. Ihre Stimme klingt manchmal sehr affektiert und sie und David haben sich sehr für das Leben gemeinsamer Bekannter interessiert.
"I never gossip like this.", versicherte mir Hoby vorsichtshalber. "It's only when I am with her! She is bad for me."
"Nah, that's alright. At least when I meet these people I will know all about them."
"Hey, aren't you the one-", imitierte Triet meine zukünftige Konversation mit irgendwem, während er riesige Lammkottlets mit Senfsauce marinierte.
Endlich erschien etwas bekanntes am Fenster. Ein haarloser Kopf und ein breites Grinsen. Ash mit seinem Cousin Joey im Schlepptau. Sobald jemand dort war, den ich tatsächlich somewhat kannte, ging es mir viel besser! Die Konversationen schwankten hin und her, während Triet sich mit dem Meisterwerk abmühte, denn Jonno, der einzige, der tatsächlich im Haus wohnte, war noch auf dem 21sten Geburtstag eines Russen.
Man hatte mich zwar vorgewarnt, aber einen solchen Riesen hatte ich nicht erwartet. Ich gehe Jonno bis zur Brust und er ist doppelt so breit wie ich. Nicht fett, einfach normal. Einfach eine normale Breite. Anders als seine beiden Brüder nutzt er es aus, Haare zu haben, solange sie noch nicht zu dünn sind (scheint in der Familie zu liegen). Sie sind mehrere Zentimeter lang und blond, aber schwarz an den Ansätzen.
"So, can we eat yet?", fragte Ash.
"Ey mate, you hungry? I didn't hear you mention it within the past three minutes.", zog Triet ihn auf und ungeduldig bewegte Ash alle zum Tisch decken und schenkte Wein ein.
Lammkottletts, caramelisierte Zwiebeln, ein Fenchel-Zwiebel-Pürree, das mir entgegen aller Erwartung schmeckte, ein Tomaten-Mozzarella-Rucola-Salad, die Tomaten-Vinaigrette und später auch noch Lammhaxen. Eines der herrlichsten Essen der letzten Wochen, allein schon aufgrund der lockeren Stimmung des vielen Lachens.
Alle waren entsetzt, als sie hörten, dass ich Vegetarierin bin.
"And she seemed so nice.", witzelte David.
Als Jonno also die Lammhaxen verteilte und eine übrig blieb, sagte ich: "Here, I will take that one."
"Oh, awesome!", grinste Jonno und ich dachte, er habe den Witz verstanden. Sobald er jedoch versuchte, das Fleisch auf meinem Teller abzuladen, musste ich ihn aufhalten.
"Man, I got so excited. I thought we turned you." Nein, so einfach ist es dann doch nicht ;)
Mit dem Wein habe ich es langsam angehen lassen, denn mein Kopf wird richtig schnell rot, wenn ich mehrere Schlucke hintereinander trinke :D Deswegen habe ich seeeehr langsam getrunken. Ich glaube auch, dass der Wein mir geholfen hat aufzutauen und mit allen mit zu lachen und mich wohler zu fühlen. Außerdem der erste Wein, der mir tatsächlich richtig geschmeckt hat ;)
Nach dem Essen wurde natürlich erstmal gemeinsam abgespült und der Tisch für eine Runde Avalon gesäubert. An diesem Punkt fühlte ich mich wahrhaftig wie zuhause. Avalon ist sehr Werwolf sehr ähnlich. Es werden Identitätskarten ausgeteilt. Darunter gibt es drei böse: Mordred, Morgana und The Assassin. Sie sehen einander zu beginng. Unter den Guten gibt es Merlin, der erfährt, wer Morgana und der Assassin sind, Mordred bleibt ihm jedoch verborgen. Percival sieht Merlin, jedoch kann er ihn nicht von Morgana unterscheiden. Außerdem gibt es mehrere Loyal Servants of Arthur, die nichts wissen. Bürger quasi ;) Es ist schwer zu erklären, wenn man die Steine des Spiels nicht sieht. Aber im Prinzip geht es darum, herauszufinden, wer gut und wer böse ist, denn jede Runde werden Leute auf Missionen geschickt und um zu gewinnen, müssen drei Missionen gelingen. Für die Bösen müssen drei Missionen scheitern. Gewinnen die Guten, haben die Bösen eine einzige Chance, Merlin zu erraten und zu töten. Deswegen muss Merlin verborgen bleiben. Ein ziemlich cooles Spiel und es hat riesigen Spaß gemacht! So viel habe ich schon lange nicht gelacht.
Wir haben uns auch über ziemlich interessante Dinge unterhalten zwischendurch. Australien musste ja heute wählen und die meisten haben scheinbar das Gefühl, sie seien "fucked either way." Scheint nicht allzu glücklich.
Jonno hat sich außerdem ziemlich darüber gefreut, dass ich singe. Er und Joey jammen ab und zu mit Stimme und Gitarre und er hat mich eingeladen, mal eine Aufnahme in seinem Studio zu machen, aber ich glaube eher nicht. Schließlich stehen die beiden eher auf HipHop und das ist nicht so ganz meine Richtung. Mir anhören, was sie so spiele würde ich aber schon gerne.
Ein paar Runden Avalon später wurde es noch gemütlicher um ein kleines Lagerfeuer rum. Wir haben Couches und Sitzsäcke in den Garten getragen und sobald wir saßen fragte Ash vorfreudig: "Alright guys, where are the Marshmallows?"
"There are none."
"Are you serious? This has no class!"
Damit sandte er sich selbst auf eine weitere Mission: Marshmallows and der Tankstelle kaufen. Nach viel zu langer Zeit war er zurück, sein Gesicht am Boden zerstört. "I went to three service stations! They didn't have them. So I brought Cookies."
"Man.", schnaubte Triet. "Why did you even bother to return?"
Als es kälter wurde habe ich von Jonno eine große, blaue, seeehr warme Jacke bekommen.
"It's huge!", kommentierte ich das Kleidungsstück, dass mir beinahe bis zu den Knien hing.
"Yeah, but it's kind of tight on me." Ich sag ja, ein Riese.
Ich hätte niemals gedacht, ich könnte so lange aushalten, aber als Ash und Joey mich um 2:45 vor meiner Haustür absetzten, fühlte ich mich dankbar und rundum zufrieden. Von meinem Räucherschinken Parfüm umschwebt umarmte ich Ash zum Abschied und gab Joey die Hand. Ich glaube ich habe mich hundertmal bedankt. Jonno meinte, er würde sich meine Nummer besorgen und alle haben angedeutet, mich bald wieder zu sehen. Hoffentlich, hoffentlich werde ich das auch :)
Endlich positive Nachrichten auf der Freundefront also ;)
So, jetzt werde ich mich auf den Harry Potter Film vor mir konzentrieren! :D
Küsse,
Räucher-Flipper
ps: Unsere Wasserheizung ist kaputt und läuft aus. Nur so nebenbei ;)